„Geschichte mal anders – Zeitzeugen berichten“
„Geschichte mal anders – Zeitzeugen berichten“
Adrian Rauch
Wie lässt sich Geschichte eigentlich (re-)konstruieren? Dieser zentralen Frage widmet sich ausgiebig der neue Lehrplan im Fach Geschichte in der 11. Klasse. Eine besondere Rolle unter den herkömmlichen historischen Quellen nehmen dabei vor allem mündliche Zeugnisse und die Methode der Zeitzeugenbefragung ein. Nachdem wir uns im Unterricht mit den Potenzialen, Problemen und Herausforderungen dieser „Konstruktionsmethode“ der Vergangenheit beschäftigt und unser Hintergrundwissen zu verschiedenen Epochen der deutschen Geschichte aufgefrischt hatten, versuchten wir „die Probe aufs Exempel“ und luden zwei besondere „Rohrer“ Zeitzeugen zum Unterricht in die Klasse 11b ein.
Der erste Zeitzeuge war kein Unbekannter: Herr Dremow ist nicht nur Sportlehrer an unserer Schule, sondern ist auch in Ostdeutschland aufgewachsen und hat seine Kindheit und Jugend noch in der DDR verbracht. Als Zeitzeuge für die spannende Zeit vor und nach der sog. „Wende“ konnte er uns aus erster Hand sehr lebhaft und unmittelbar Rede und Antwort stehen. Dabei standen unterschiedliche Fragen im Raum wie etwa: Welche Unterschiede zum Leben in der BRD hat man bewusst wahrgenommen? Welche Auswirkungen hatte die Planwirtschaft auf den Alltag? Wie haben Sie vom Mauerfall erfahren und wie war Ihre erste Reaktion? Hatten Sie jemals Gedanken an eine Republikflucht? Was waren prägende Ereignisse in der DDR und den Jahren nach der Wende? Und wo haben Sie den Tag der deutschen Einheit erlebt?
Ebenso kein Unbekannter an unserer Schule war unser zweiter Zeitzeuge: Altabt Gregor, der bis zu seinem 80. Lebensjahr am JNG unterrichtete und sich extra für uns wie in alten Zeiten nochmal ins Klassenzimmer begab. Altabt Gregor wurde 1939 im oberschlesischen Ratibor geboren. Nach der Vertreibung fand er mit seiner Mutter und Schwester zunächst im niedersächsischen Goslar Zuflucht, bevor er Schüler des ersten Abiturjahrgangs am Gymnasium Rohr wurde, das die heimatvertriebenen sudentendeutschen Mönche aus Braunau in Böhmen 1947 neu gegründet hatten. Altabt Gregor konnte damit einerseits Fragen zum „Schicksal der Heimatvertriebenen“, andererseits zu den Anfangsjahren des Rohrer Gymnasiums und des Klosters beantworten, beides interessante Aspekte zum Themenkomplex „Immigration und Integration nach 1945“. Dabei entpuppte der Altabt sich als nach wie vor leidenschaftlicher Erklärer und Erzähler sowie als eines der wahrscheinlich letzten lebenden „wandelnden Lexika“ zu über 70 Jahren Rohrer Schul- und Klostergeschichte, der zu vielen alten Photographien und Karten interessante Anekdoten und Geschichten zu erzählen wusste.
In einer abschließenden Analyse in der Klasse werteten wir nicht nur gemeinsam aus, was die Zeitzeugen jeweils berichteten und worin ein besonderer Mehrwert lag, sondern vor allem, wie sie es berichteten. Dabei bestand schnell Einigkeit, dass Geschichte wahrscheinlich nirgendwo so fesselnd sein kann, wie wenn sie als konkrete Erfahrung eines bekannten Menschen erlebbar und im Erzählen von Geschichten (!) persönlich weitergegeben wird. Ein herzlicher Dank geht an Herrn Dremow und Altabt Gregor, dass sie sich für unser Zeitzeugengespräch Zeit genommen haben und jeweils so spannend Rede und Antwort standen.






